|
Informatik
Bevor ich zur HSKa wechselte, habe ich bereits knapp vier Semester an der Uni Karlsruhe Informatik studiert.
Da ich des öfteren nach Vor- und Nachteilen an meiner neuen Hochschule gefragt werde, folgt nun ein längerer Text, der eine Entscheidungshilfe sein könnte, wenn man vor der Wahl steht, ein (Informatik-)Studium zu beginnen oder einen Hochschulwechsel in Betracht zieht.
Bevor ich beginne, möchte ich anmerken, dass der folgende Text meine
persönliche Sicht darstellt, die sich nur auf meine Erfahrungen an der HSKa
und Uni Karlsruhe stützt und nicht unbedingt verallgemeinert werden sollte.
Warum zur Fachhochschule (oder neuerdings "Hochschule")
Die Unterschiede zwischen Uni und FH sind viel größer als ich sie mir eingangs
vorgestellt habe. Jeder, der vor der Entscheidung steht, sein Studium zu
beginnen, sollte wenigstens eine Vorlesung an der FH und an der Uni zuvor
gehört haben, um selbst eine Entscheidungsbasis zu haben.
Der grundsätzliche Unterschied zwischen Uni und FH liegt tatsächlich darin,
dass die FH viel eher wie eine Schule funktioniert. Es gibt zwar keine Klassen
und auch nur in den wenigsten Fällen eine Anwesenheitspflicht (ich weiß nicht
wie einige Leute darauf kommen mich zu fragen, ob ich dauernd anwesend sein
soll?), aber ein Semester ist an der FH gewöhnlich mit ca. 50 Leuten besetzt,
an der Uni waren wir am Anfang dagegen 500. Entsprechend braucht ein FH-Dozent
i.d.R. kein Mikro, man kann sich aussuchen ob man in der ersten oder 5. Reihe
sitzen möchte und an unserer FH gibt es auch so einige Plätze mit
Stromanschluss, was den Laptop-Abhängigen natürlich sehr entgegenkommt. ;-)
Persönlich versus anonym
Aus der kleinen Größe des Semesters resultiert ein hervorragender Kontakt zu den Professoren. Fast genauso wie im Unterricht an der Schule kann man jederzeit Fragen stellen oder nach der Vorlesung offene Fragen klären, indem man den Dozenten direkt anspricht.
An der Uni hingegen läuft es viel anonymer ab. Fragen wurden zumeist nur per E-Mail geklärt, und dann nicht durch den Prof., sondern von Übungsleitern oder Tutoren. Meines Erachtens ist der Kontakt zum Prof. jedoch für die weitere Laufbahn sehr wichtig, da sich durch persönliche Gespräche sehr oft noch Chancen für die weitere Entwicklung an der Hochschule ergeben können.
Die Übersichtlichkeit des Betriebs hat auch den angenehmen Effekt, dass sich
der Verwaltungsaufwand in Grenzen hält. Bei Unstimmigkeiten oder Fragen zur
Prüfungsordnung kann man sich ohne Termin Sekretariat melden und die Sache
regeln.
Übungsbetrieb, Praxis versus Forschung
Die Lehrstruktur und der Fokus der Lehre sind ein weiteres
Unterscheidungsmerkmal von Uni und FH, über das man sich im Klaren sein
sollte. Nicht umsonst dürfen sich Fachhochschulen auch "University of Applied
Sciences" nennen, im Gegensatz zu den klassischen Universitäten, die einen
äußerst hohen theoretischen Anteil in den Vorlesungen haben. An der FH gibt es
zu den meisten Vorlesungen sogenannte Labore, in denen der Stoff aus den
Vorlesungen an praktischen Beispielen vermittelt wird. Hierfür gibt es
ausgestattete Pools, beispielsweise ist für die Automatisierungsvorlesung eine
Siemens SPS zu programmieren. Hierfür gibt es Scheine, die man erwerben muss,
um das Studium fortzuführen.
Was es an der Uni gibt und an der FH fehlt sind die zahlreichen Übungen und
Tutorien. Übungen werden von Übungsleitern der Fakultät gehalten. Tutorien
werden i.d.R. von Studenten aus einem höheren Semester gehalten. An der Uni
ist es obligatorisch, Übungsblätter im wöchentlichen Rhythmus zu bearbeiten,
die dann in den Übungen und Tutorien besprochen werden. An der FH ist dies
alles in die Vorlesung integriert, der Übungsbetrieb ist dadurch nicht so
stark ausgeprägt. Als vorteilhaft kann man es sehen, dass Vorlesungs- und
Übungsbetrieb auf diese Weise jedoch so gut wie gar nicht voneinander
abweichen. An der Uni kam es hingegen schon vor, dass die Vorlesung sich mit
anderen Aspekten beschäftigte als denjenigen, die in Übungen und Tutorien
vermittelt wurden.
Der praktische Anteil an der FH ist tatsächlich um ein Vielfaches höher als an der FH. Ich habe mich zu Anfang darüber gewundert, dass in Klausuren sogar einige Programmieraufgaben zu erledigen sind, dies war an der Uni eigentlich eher als Bonbon-Aufgabe gedacht, an der FH ist es ganz normal und man sollte sich in jedem Fall darauf einstellen. Wer Freude am Programmieren hat und eher "praktisch veranlagt" ist, sollte sich im Vorfeld darüber Gedanken machen, ob die Uni für ihn die richtige Wahl ist.
Die HSKa unterhält zahlreiche Beziehungen zu lokalen Unternehmen der
IT-Branche, was für Praktika und die spätere Arbeitssuche sehr hilfreich sein
kann. Universitäten pflegen bessere Beziehungen zu ihren eigenen
Forschungsabteilungen und Instituten. Wer später in der Industrie arbeiten
möchte, findet mit der FH ein gutes Sprungbrett ins Arbeitsleben. Wer lieber
forschen und später ggf. promovieren möchte, hat eindeutig bessere Chancen
dies zu tun, wenn er zuvor sein Studium an der Universität abgeschlossen hat. Die Studiendauer, die in der Regel an der Universität etwas länger ausfällt, wird häufig dafür mit einem etwas höheren Salär belohnt. Nach einer Promotion sieht ein Einstiegsgehalt entsprechend höher aus als bei einem niedrigeren Abschluss. Wer später einmal promovieren möchte, sollte wissen, dass eine Promotion an der FH zwar möglich, aber mit größeren Barrieren verbunden ist, da hierzu eine Kooperation mit einer Universität in aller Regel erforderlich ist.
Niveau = Niveau?
Nun komme ich auf einen etwas "wunden Punkt" zu sprechen, auf den ich häufiger
angesprochen wurde: Ja, das Niveau an der FH ist ein anderes als das an der
Uni. Aber ist es wirklich nachteilhaft? Was bedeutet Niveau in diesem Fall?
Nun, in erster Linie verbinde ich damit die Tatsache, dass der
theoretische Anteil, der von den Meisten mit einem "gehobenen Niveau"
verbunden wird, an der FH niedriger ausfällt als an der Uni. Dies hat aber alles so seine Vor- und Nachteile, die jeder für sich selbst abwägen sollte:
An der FH wird zunehmend versucht, auch die "Social Skills" zu fördern. Was
wie ein modernes "Buzz Word" klingen mag, hat aber tatsächlich seine
Berechtigung, denn in der Arbeitswelt und Industrie, die ja mit der FH viel
enger verbunden ist als es bei der Uni der Fall ist (die ihrerseits den Fokus
auf Forschung legt und dadurch nicht so starke Beziehungen zur Industrie
pflegt), sind solche Fähigkeiten heutzutage absolut gefragt. An der HSKa
werden englischsprachige Vorlesungen angeboten, weiterhin ein Rhetorik-Kurs,
Interkulturelle Kommunikation und Management-Training.
Wie vielleicht auch
angeklungen ist, ist der Tiefgang und dadurch die Spezialisierung an der FH
nicht so stark wie an der Uni. An der FH ist dies durch ein begrenztes Angebot
von Vorlesungen auch ohne weiteres gar nicht möglich. Ich habe selbst die
Erfahrung gemacht, dass mir breit gefächertes Denken mehr bringt, als sich zu
stark in theoretische Ansätze hineinzubohren, da sich die Welt so schnell
dreht, dass viele Forschungsansätze zu schnell wieder verworfen werden.
Natürlich soll man sich, spätestens in seiner Diplomarbeit bzw. Master-Thesis
jedoch irgendwann auf ein Thema spezialisieren, das einem liegt. Mein Eindruck
war jedoch der, dass man sich an der Uni nahezu überall zu tief hineindenkt.
Es ist doch eigentlich viel angenehmer, möglichst viele Facetten
kennenzulernen und dann nach dem eigenen Geschmack auswählen zu können, was
man vertiefen möchte.
Der Umfang an Stoff, den man an Uni und FH lernt, ist vielfach der gleiche, jedoch an der FH auf viele weitere Vorlesungen verteilt, an der Uni auf einige wenige konzentriert. Pech für diejenigen, die mal ein Uni-Semester erwischen, in dem man sich nur für wenige der Themen, die man gezwungen ist in Prüfungen abzulegen, interessiert.
Der hohe praktische Anteil an der FH wird nochmals durch ein bis zwei obligatorische praktische Semester unterstrichen, die in den meisten Fällen in einem externen Unternehmen zu leisten sind. An den Unis ist dies zumindest mit dem Studiengang Informatik eher die Seltenheit.
Von all dem abgesehen sollte man beachten, dass an der FH ja bereits der deutsche Fachhochschulabschluss ausreicht, um sich einzuschreiben. Eine Immatrikulation an der Uni erfordert das Abitur.
Klausuren
Kommen wir an diesem Punkt zu den Klausuren.
An der Uni hat man gewöhnlich pro Semester an die drei bis vier Klausuren, auf
die man sich sehr gut vorbereiten sollte. Insbesondere bis zum Vordiplom ist
die Grenze zum Bestehen einer Klausur sehr hoch gesteckt und man kann sich in
aller Regel damit glücklich schätzen, sich in der Ergebnisliste mit einer 3
vorfinden zu können (das Sprichwort "4 gewinnt" hat mich allerdings nie
wirklich motiviert). Viele der Klausuren liegen in den Semesterferien, was
leider darin ausarten kann, dass man sich überhaupt nicht mehr die Zeit
leisten kann, um auf andere Gedanken zu kommen als für Klausuren zu lernen.
Erschwerend kommt hinzu, dass an der Uni die Vorlesungen sehr häufig von
unterschiedlichen Personen angefertigt werden, was die Vorbereitung doch stark
erschwert. Denn wenn es keine alten Klausuren gibt, aus denen man in etwa
abschätzen kann, was vom Dozenten verlangt wird, kann man ganz schnell mal
einen Griff ins Klo machen...
Die Anmeldungsprozedur war bis vor kurzem an der Uni ein ziemliches Debakel, weil jedes Institut bzw. jede Lehreinheit ein anderes Verfahren vorsieht, man mit unzähligen Scheinen ins überfüllte Studentensekretariat rennen muss, um eine Anmeldung zur Klausur genehmigen zu lassen, usw. ... wenn man sich abmelden wollte, hatte dies einen ähnlich hohen Aufwand erfordert.
Dies ist an der FH zum Glück viel besser :-). Obwohl man sich auf 8 oder mehr
Klausuren vorzubereiten hat, die in ihrem Umfang freilich nicht ganz so
tiefgehend sind wie an der Uni, liegen diese Klausuren in einer festen Zeit
von etwa drei Wochen, in denen man sie dann in einem Abwasch schreiben kann.
Die An- und Abmeldung zu den Klausuren ist sehr einfach über ein
elektronisches System vorzunehmen, bei Schwierigkeiten hilft einem das
Sekretariat. Mit anderen Worten, man kann in der Regel viel besser seine Zeit
planen und hat auch die Zeit (falls man es sich leisten kann), um etwas Urlaub
zu nehmen oder sich anderweitig zu beschäftigen, etwa, um etwas früher mit dem
Praktikum zu beginnen oder nebenbei zu arbeiten (um auf den nächsten Urlaub zu sparen ;-)).
Im Gegensatz zur Uni werden die Klausuren stets vom Dozenten (also
Professoren) selbst korrigiert. An der Uni ist dies ein Team von
Übungsleitern, die nicht nur die Klausur zumeist erstellen und vom Prof.
absegnen lassen, sondern sie dann auch getrennt nach Aufgaben korrigieren.
Eine Klausureinsicht ist an der FH dadurch wunderbar einfach, man meldet sich
einfach zu einer Sprechstunde an, schaut in die Klausur und das war's. An der
Uni habe ich hier gaaaanz andere Erfahrungen gemacht. Eine Klausureinsicht
gibt es zumeist nur für ein oder allenfalls zwei Tage kurz nach der Korrektur
der Klausur. Man muss horrende Wartezeiten (einmal sogar 10 Std.!!!) auf sich
nehmen. Selbst über halbe Punkte gibt es meistens keine Diskussion mehr: Was
steht, das steht: Kaum Toleranz. In einem speziellen Fall einer Klausur an der
Uni, die eine Durchfallquote von 82% aufwies, fehlte mir ein halber Punkt zum
Bestehen. Obwohl ich ihn an mehreren Stellen hätte einholen können, wenn die
Übungsleiter nicht so spitzfindig gewesen wären und auf ein einziges Detail
insistiert hätten (was jeder Mensch mit gesundem Verstand anders entschieden
hätte), wurde mir jener halbe Punkt nicht gegönnt.
Was mir an den Uni-Klausuren extrem negativ auffiel war der enorme Zeitdruck. Die Informatik-Klausuren 1-4, die man bis zum Vordiplom zu schreiben hatte und mitunter Hauptbestand der Note für das Vordiplom waren, wurden nur mit einer Stunde Zeit angesetzt. Hier blieb einem kaum mehr als blindes, exzessives Auswendiglernen übrig. Das gibt es an der FH natürlich auch hin- und wieder, aber es ist klar, dass unter diesen Umständen kein Raum für freies Denken mehr bleibt.
Gegenbeispiel FH: Die erste Klausur, die mit einer zweifachen Gewichtung gewertet wurde, ist auf 3 Std. ausgelegt worden. Das ist doch mal ein Angebot. Ich habe bis heute nicht verstanden, welcher Zweck an der Uni damit verfolgt wird, die Informatik-Klausuren so knapp auszulegen. Ich finde es völlig schwachsinnig.
Fazit
An einer Fachhochschule arbeitet man in kleineren Gruppen, nah an der Praxis und hat sehr gute Chancen, langfristig gefördert zu werden, indem man persönliche Kontakte zu den Dozenten nutzt. Die Vertiefungsmöglichkeiten sind nicht so gut ausgeprägt wie an der Uni. Demgegenüber stehen die bereits vorhandenen Beziehungen zur Industrie. Statt starkem Tiefgang gibt es an der FH eine breitere Ausbildung und Förderung von Social Skills. Der Übungsbetrieb ist an FHs weniger stark vorhanden als an Unis. Bedingt durch den starken Tiefgang an Universitäten schreibt man an der Uni weniger Klausuren von hohem Niveau, an der FH viele Klausuren mit einem abgesteckten Stoffumfang binnen einem Zeitraum weniger Wochen.
Ich persönlich favorisiere den Lehrbetrieb der Fachhochschule, doch das eigene Urteil muss jeder mit seinem eigenen Charakter selbst vereinbaren, hier gibt es keine feste Formel -- und natürlich ist es auch stark von den jeweiligen Unis bzw. FHs und weiteren Faktoren abhängig.
|